Kaninchen und Meerschweinchen zusammenzusetzen war jahrzehntelang Standard, und in vielen Zoohandlungen ist es das bis heute. Beide sind klein, beide fressen Heu, beide passen ins gleiche Gehege — der Rest ergibt sich, so die Annahme. Er ergibt sich nicht.
Sie sprechen nicht dieselbe Sprache
Kaninchen kommunizieren fast ausschließlich über Körperhaltung: Ohrenstellung, Kinnreiben, Aufreiten, Trommeln. Meerschweinchen kommunizieren überwiegend über Laute — sie quieken, gurren, brommeln. Was der eine sagt, kommt beim anderen nicht an.
Praktisch heißt das:
- Das Kaninchen zeigt Rangverhalten, das Meerschweinchen versteht es nicht und weicht nicht aus.
- Das Meerschweinchen ruft, das Kaninchen reagiert nicht.
- Gegenseitige Fellpflege, aneinandergedrücktes Ruhen, gemeinsames Warnen — all das, was Nähe zwischen Artgenossen ausmacht, findet nicht statt.
Beide Tiere sitzen also zu zweit im Gehege und sind trotzdem artallein.
Dazu kommen handfeste Probleme
- Größenunterschied. Ein tretendes Kaninchen kann ein Meerschweinchen ernsthaft verletzen; Rippenbrüche und Wirbelverletzungen sind bei dieser Kombination beschrieben.
- Aufreiten. Auch kastrierte Rammler reiten auf. Für ein Meerschweinchen ist das Dauerstress.
- Vitamin C. Meerschweinchen können es nicht selbst bilden und brauchen es täglich über das Futter; Kaninchen können es. Ein gemeinsamer Napf deckt selten beide Bedarfe richtig ab.
- Einrichtung. Meerschweinchen springen nicht und brauchen Röhren und flache Verstecke; Kaninchen brauchen Fläche, Erhöhungen und Buddelmöglichkeit, siehe Kaninchengehege.
- Krankheiten. Einzelne Erreger, die die eine Art gut wegsteckt, machen die andere krank.
„Bei uns funktioniert das aber seit Jahren“
Dass zwei Tiere sich nicht verletzen, heißt nicht, dass ihr Bedarf gedeckt ist. Ruhe ist kein Beleg für Zufriedenheit — Kaninchen sind Beutetiere, sie zeigen Mangel spät und leise. Die Frage ist nicht, ob es gutgeht, sondern was fehlt: nämlich ein Gegenüber, das dieselben Signale sendet.
Was tun, wenn sie schon zusammensitzen?
Die Tiere müssen nicht getrennt werden, wenn sie sich gut verstehen. Der richtige Schritt ist ein anderer: jeder Art einen Artgenossen dazuholen.
- Für das Kaninchen ein zweites Kaninchen, idealerweise die Kombination kastrierter Rammler + Weibchen, siehe Vergesellschaftung.
- Für das Meerschweinchen mindestens ein weiteres Meerschweinchen.
- Die Fläche entsprechend vergrößern — vier Tiere brauchen deutlich mehr Platz als zwei, und beide Arten brauchen Bereiche, in denen sie sich aus dem Weg gehen können.
- Zwei Futterstellen, damit der Vitamin-C-Bedarf der Meerschweinchen gedeckt werden kann, ohne dass das Kaninchen alles wegfrisst.
Wer diesen Aufwand nicht leisten kann oder will, vermittelt eine der beiden Arten in eine passende Gruppe weiter — Tierheime und Notstationen helfen dabei.
Kurz gefasst
Kaninchen und Meerschweinchen sind keine Gesellschaft füreinander, sondern zwei einsame Tiere im selben Gehege. Die Lösung ist nicht Trennung, sondern für jede Art ein eigener Artgenosse.
